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Sonntag, 7. März 2021

66/365 Bilanz nach 18% oder 2 x 3 x 11 Tagen

So, 66 ist doch eine Zahl, bei der man schon mal etwas Nähkästchenartiges sagen kann, zum Beispiel, dass es manchmal ganz schön herausfordernd ist, dem gesteckten Zeil von 365 Posts nicht zu entfliehen. Das Bisschen Sturkopf, welches ich habe, wird da dringend benötigt. Allermeistens setze ich mich hierher, tippe ahnungslos die Zahlen auf die Titellinie und warte einfach mal, was da so kommt und ob überhaupt etwas kommt. 
Manchmal muss ich mir eine Frage stellen, welche einen kurzen Lichtstrahl auf einen Moment wirft, der dann schnell in die Tastatur schlüpft. Manchmal muss ich das, was so bitter auf der Zunge oder schwer im Magen liegt hinunterschlucken, damit es hier keinen Unsinn anrichtet. Manchmal muss ich die Oberfläche aufkratzen, welche durch das Alltagsgeschehen hart und trocken geworden ist, um darunter ein paar Tropfen Nektar zu finden. Manchmal hätte ich Lust, zu irgend einem Zufallswort eine ellenlange Assozianskette aufzufädeln. 
Purzelbaum 
zum Beispiel. Dazu hat mir bisher der Mut gefehlt. Es wird ja aber noch 299 weitere Gelegenheiten geben.

Samstag, 6. März 2021

65/365 Lernziele

Während ich heute im Garten den Winter aufzuräumen begonnen habe, ist mir vieles durch den Kopf gegangen. Dabei sind ganz weit vorne immer die Schülerinnen und Schüler, diese sieben- und sechsjährigen Kinder, in deren Schicksal ich für eine kurze Zeit ihres Lebens hineinwebt bin. Ich habe eine freundliche Klasse, zuverlässige, ordentliche Kinder, die gerne tun, was ich ihnen anbiete. Doch sie sind  – anders, als Erstklasskinder bisher waren, zumindest die meisten. Während ich in früheren Klassen ständig Geschichten erzählt bekam, ausgedachte, erlebte, erhoffte, bleibt es diesmal stumm. Rätselhaftes wird mit Schulterzucken stehen gelassen, zumindest von den meisten. Es gibt Ausnahmen, einen kreativen Chaoten, eine verträumte Zaubererin und eine ganz junge, die sich wahrscheinlich noch nicht traut. 
Im Garten wusste ich es plötzlich, was ich vermisse: Es ist diese kindliche, unersättliche Neugierde, diese offenen Augen und Ohren, dieses tausendfache "warum?". Vielleicht schlummert sie irgendwo und wartet darauf, geweckt zu werden, doch bisher ist es mir selten gelungen, diese Wachheit, das staunende Entdecken heraus zu kitzeln. 

Und als hätte sie den Nachmittag in meinen Gedanken verbracht, sagt die älteste Tochter beim Abendessen: "Ich glaube, das Wichtigste, was ich von meiner Schulzeit ins Leben nehme, ist diese Neugierde, dieses Interesse daran, immer noch weiter zu fragen und weiter zu suchen." 
 
Das Ziel ist gesteckt.

Freitag, 5. März 2021

64/365 Grrrrrrrrrrrrr

z Rorschach uf de Brugg

stönd drü düri, langi, leeri Röhrli

und dur die drü düre, lange, leere Röhrli

lehred d Lüt rächt rede.

So tönt es in meinem Kopf seit Mittwoch, seitdem wir eingeführt worden sind in die Praxis des Massentestens in unserer Klasse, seitdem im Schrank die Säcke liegen mit den leeren Röhrchen. Der Schnabelwetzer hat wohl soviele Mutationen, wie ein mündlich überliefertes Gedicht nur haben kann. Statistiken habe ich dazu leider keine.

Donnerstag, 4. März 2021

63/365 Steinzeit

Heute hat eine meiner Töchter uns in den Wald begleitet. Es war sehr schön zu sehen, wie die Kinder um sie herum aufgeblüht sind und mit ihr Dinge geredet und gespielt haben, die sie mit mir nicht tun würden. Einmal ging es darum, ob sie auch gemeint sei, wenn ich "alle Kinder" sage. "Aber sicher ist sie auch ein Kind, sie ist ja das Kind von Frau Wind", sagte eines, worauf ein Junge meinte: "Alle Menschen sind eigentlich Kinder, denn alle haben ja eine Mama."

"Genau", meinte ich. "Auch ich habe eine Mutter." "Was? Hast du immer noch eine Mutter? Lebt die noch?" fragte einer und kriegte den Mund nicht mehr zu. Und ein Mädchen doppelte nach:" DUU hast noch eine Mutter!?! Wow. Voll krass!" und nach einer Pause. "Wie alt ist die denn?"

Vielleicht sollte ich mir doch die Haare wieder färben lassen.

Mittwoch, 3. März 2021

62/365 Todleben

Wir sprechen über die Zeit der Trauer. "Wird es irgendwann besser?" fragt sie. "Oh ja, wie alles im Leben verändert sich auch die Intensität und die Farbe dieses Schmerzes. Was nicht verschwindet sind die Spuren, die sich tief eingeschrieben haben und ein Teil von mir geworden sind. Aber ich liebe diese Spuren, ich bin dankbar dafür, und eigentlich ist es jene Zeit, welche die lebendigste war in meinem Leben, die durchlässigste, wunder-vollste, jene, in der ich mich am wenigsten verstellen konnte und daher am autentischsten mit dem Leben verbunden war." – "Ich weiss so genau, was du meinst", antwortet sie mit Tränen in den Augen.
Manchmal sehne ich mich nach dieser Verbundenheit, nicht nach dem Preis, den ich dafür bezahlen musste, aber nach dem Wunder, welches in jedem Tautropfen glitzerte, nach der Liebesgeschichte einer Schlehenblüte, nach dem Wolkentanz, der meine Seele an die Hand nahm, nach den Augenblicken mit den Menschen, welche sich hineinwagten in diesen geheimnisvollen Wirkungskreis und dafür sorgten, dass mir der Boden nicht unter den Füssen hinweg brach.
Da können keine Mailfluten und Lehrpläne, keine Systemarbeiten und Poollösungen mithalten. 
Nur manchmal, wenn der Wind weht, spielt er mit der angelehnten Türe und weht einen Hauch Blau herein.

Dienstag, 2. März 2021

61/365 Choreographien

"5 + 9 finde ich ganz einfach, weil 9 hat ja in sich auch eine 5, die nehme ich zur ersten 5, die sind dann zusammen 10 und die übrigen 4 dazu, das gibt 14." 

"9 + 8 finde ich einfach, denn das ist ja fast 10 + 8 und dies wäre 18, aber es ist eines zuviel, also gibt es 17."

Wenn die Kinder beginnen, ihr Denken so genau zu beoabachten und es dann auch noch zu formulieren, dann tanzt mein Matheherz. Heute durfte es gleich mehrfach tanzen.

Montag, 1. März 2021

60/365 "Trotz dem"

Ich sitze hier mit Tränen in den Augen. Grund dafür ist dieser Querschnitt (Klicke aufs Bild). Wann hast du zum letzten Mal Tränen gelacht?

Im Übrigen darf ich mich dankbar vor diesem Tag verneigen. Er hat meine Hoffnung erfüllt, er mit der Lebendigkeit und Frische der Kinder.