Seiten

Freitag, 7. Januar 2022

Geschafft

Die erste Maskenwoche (Halbwoche) ist Erfahrung. Unerwarteter Nebeneffekt: Die Klasse ist ruhiger hinter diesen Mund-Schutzschildern. Heute Nachmittag war ich mit ihnen im Wald – ohne Maske (die Kinder) – und auf dem Rückweg haben wir Nomenrätsel gespielt. War das eine Freude für mein Lehrerinnenherz zu spüre, mit welcher Begeisterung sie anwendenden konnten, was wir diese Tage gelernt und gezaubert hatten. "Der Begleiter von meinem Nomen heisst das und es beginnt mit einem grossen G!"

Donnerstag, 6. Januar 2022

Fundstück

Wiedergefunden habe ich dieses Zitat heute in meinem Fundus, gehört habe ich es im Oktober in einem aufgezeichneten Gespräch mit Eva-Maria Zurhorst

"Du musst etwas wagen, das du noch nicht kennst.
Das ist der einzige Weg im Wachstum."

 Also doch...

Mittwoch, 5. Januar 2022

Ernüchterung

Aufgeben ist zu früh, zuviele Einsichten und Aha-Momete bietet mir die Überforderung noch ständig. Es ist nicht so, dass ich tagsüber vergessen würde, was ich mir vorgenommen habe. Doch die Gewohnheit ist so unglaublich stark, dass ich ihr kaum beikomme. Das fängt schon damit an, dass ich am Morgen doch eigentlich locker, sollte man meinen, einen völlig anderen Platz im Tram wählen könnte als sonst immer. Ich steige an der Endstation ein in ein fast leeres Fahrzeug. Oder während der Fahrt einmal einfach nicht auf den Bildschirm schauen, gar nicht, sondern zum Beispiel ein Buch lesen oder lauschen. Gewohnheiten kommen mir vor wie mit mir verwachsene Halteseile. 

Immerhin fand heute zum ersten Mal in diesem Jahr wieder fast normaler Unterricht statt.

Dienstag, 4. Januar 2022

Dienstag

Da wird was anderes draus als ich mir vorgestellt hatte, nicht diese Entschlossenheit, mit der ich über meine Grenzen gehen oder zumindest schauen wollte, sondern eine abendlich Rückschau mit der Frage: Was hast du heute zum ersten mal getan?

Ich habe heute zum Beispiel zum ersten mal ein Ladekabel für den Akkustaubsauger im Teamraum gesucht, weil die Schulleiterin die Tannnadeln wegsaugen wollte, nachdem sie das Adventsgesteck weggeräumt hatte. Ich traf sie an mit leerem Akku und musste eh warten, bis der Kopierer frei war.

Und dann habe ich zum ersten mal der jungen Kollein einen Caffee Latte (wir trinken beide denselben) in ihr Zinmer hoch gebracht, um sie ein bisschen zu trösten, weil ihr Klassenpool gestern als zweitienziger positiv war und sie mit dem Fernunterricht in die Verlängerung muss.

Mit einer aderen Kollegin habe ich über den Kirchenbrand gesprochen, der sich in der Silvesternacht im Nachbarsdorf ereignet hat.

So Dinge halt, die ständig neu sind, weil jeder Tag neu ist.

Morgen werde ich zum ersten Mal eine maskierte Klasse unterrichten.

Montag, 3. Januar 2022

C-Test

Hätte mir jemand dieses Szenario vor zwei Jahren als Zukunftsmusik abgespielt, ich hätte ihn oder sie für verrückt erklärt, hätte Schweissausbrüche gekriegt und die Situation als unvereinbar mit unseren kulturellen Werten gehalten. Niemals, schrecklich, undenkbar, aus einem Horrorfilm, hätte ich gesagt, und vermutlich noch andere Dinge wie: dass ich eher kündigen würde...

Heute so:

Eine Lehrerin, die aussieht wie ich, im Gesicht eine Atemschutzmaske mit ovalem, durchsichtigen Plastikfenster trägt, steht am Morgen zusammen mit 10 siebenjährigen Kindern im Schutz eines Veloständers vor dem Schulhaus. Alle Kinder tragen Masken im Gesicht und in den Händen ein farbiges Kistchen mit einem Plastikröhrchen und einer Ampulle Kochsalzlösung. In gebührendem Abstand von einander kauern nun alle auf den Boden, ziehen die Maske unter das Kinn, öffnen das Röhrchen und danach die Ampulle, spritzen deren Inhalt unter die Zunge, zählen unter seltsamen Mundbewegungen still mit der Lehrerin auf 10, spucken in das Röhrchen und zählen ein weiteres mal, um das Röhrchen danach noch etwas mehr zu befüllen. Völlig unaufgeregt und selbstverständlich legen sie dann das fest verschlossene Röhrchen der Lehrerin in die Hand und verabschieden sich mit einer Art Knicks und einem C4-Briefumschlag nach hause. Vielleicht lächeln sie, es lässt sich nicht erkennen.

So kann man sich täuschen.


Sonntag, 2. Januar 2022

Beispiel

Da muss ich mich nun erst rein finden, oder herausfinden, was erste Male sind. Sind es die, welche ich als solche inszeniere, in Angriff nehme (das tönt so kriegerisch), oder reicht es zu realisieren, dass das, was ich gerade tue, ein Novum ist. Klar, das definiere ich. Oder auch nicht, weil ich es gar nicht definieren will.

Heute so:

Weihnachten ist bei uns der Sammelpott von Traditionen schlechthin. Ich fange gar nicht an aufzuzählen. Jedes Jahr stelle ich ein paar davon in Frage, zur Diskussion. Aber es ist jedes Jahr dasselbe: "So wie immer." Nur beim Essen, da ist nichts mehr so wie früher. Dieses Jahr haben die Älteste und der Jüngste zusammen ein veganes Viergangmenü gezaubert. Und Zauber ist nicht übertrieben. Mir blieb das Decken des Tisches. "Sollen wir dieses Jahr mal ohne die weisse Tischdecke essen?", fragte ich in die Runde. "Ach nein, bitte so wie immer", war die mehrstimmige Antwort und ich holte es aus dem Keller, das grosse, weisse Tuch, welches früher auf dem Gästetisch eines Pfarrhauses gedient hatte. (Im Elternhaus der einen Urgrossmutter meiner Kinder).

Einmal im Jahr am Weihnachtstag breiten wir es aus auf unserem Tisch, hier bleibt es liegen bis Silvester. Ab da heisst das Schicksal des Tuches für einige Wochen Warten. Warten vor der Waschmaschine in vornehmer Distanz von der gewöhnlichen Schmutzwäsche. Warten an der Wäscheleine unter dem Dach bis es trocken ist und meist lange darüber hinaus, warten im Wäschekorb, bis jemand Zeit findet, mit dem Bügeleisen dem nächstem Weihnachtsessen den würdigen, faltenfreien Rahmen zu geben.

Alle im Haus haben sich an diese Geschichte gewöhnt oder sie selbstverständlich ignoriert. Und da kommt heute der 2. Januar und versorgt die fertig gewaschene, trockene und fein säuberlich gebügelte Tischdecke im Schrank. Das gabs noch nie.



Es gab jedoch heute ein anderes erstes Mal, das ganz ohne mein Zutun in die Welt kam. Ich war nur Zeugin und gar nicht glücklich darüber. Um kurz vor 17 Uhr spazierte ich in der Abenddämmerung den Berg hoch, als plötzlich eine Amsel zu singen begann, richtig laut und gekonnt und selbstbewusst, und eine zweite gab Antwort vom Feld her. Das war so schräg, so falsch vom Gefühl her.

Samstag, 1. Januar 2022

Alles auf Anfang

Dann komm mal rein, du hartnäckiger Neujahrsgast. Ich sehe dich seit Monaten immer wieder herumschleichen, und jedes Mal, wenn das Bewusstwerden vom nahenden Alter mich taumeln liess und in Anflüge von Panik versetzte, gucktest du zu mir hinüber und hast mit den Augen gezwinkert. Einmal hast du mich sogar angesprochen. Es war an dem Morgen im frühen Herbst, als ich zur Schule ging und darüber nachdachte, ob ich den Weg auch blind schaffen würde, weil jeder Schritt so vertraut ist, jeder Randstein, die Geräusche, ja gar die Menschen, die mir begegnen, sind jeden Morgen dieselben, die Art, wie wir uns begrüssen. Ich war fasziniert und erschrocken zugleich. Jeder Tag genau wie der andere. Alles vertraut, geübt, abgesichert, optimiert und automatisiert. Plötzlich sah ich vor mir die Einbahnstrasse meines Lebens, das Immergleiche links und rechts, und die Chance für Überraschungen schien lediglich in Einbrüchen der Gesundheit zu bestehen.

Da hst du dich eingemischt und hast gefragt, wem ich denn da gehorche. Ich habe es in der Hand, hast du gesagt, ob ich Neues erlebe, erlerne, erfahre oder ob ich resigniert im Kreis drehe. Ich habe dich erst ziemlich unfreundlich abgewiesen, du habest keine Ahnung, habe ich geantwortet, ich habe Kinder in der Ausbildung, im Studium, noch viele Jahre und ich sei drauf angewiesen, arbeiten zu können, und ich wolle das hier an diesem Ort. Du bist freundlich geblieben, hast sogar gelacht. Wer denn da von solch grossen Veränderungen spreche, hast du gemeint, es sei nicht die Frage der Menge und der Grösse, es liege einzig und allein an meiner Bereitschaft, mich selber zu überraschen.

Das hat sich gut angefühlt. Du könnest ja dann im neuen Jahr noch einmal vorbei schauen, habe ich dir gesagt und habe wohl leise genickt, bis ich in der Schule war und dort eingesaugt wurde vom fixen Ablauf. 

Nun muss ich mich entscheiden. Habe ich den Mut zu diesem Abenteuer? 

Hier sind Zeugen. Sobald ich veröffentliche, entsteht eine Verbindlichkeit, die ich sonst nicht spüre. Doch genau dies braucht es wohl, um in die Wirksamkeit zu finden, auch wenn ich immer nur mir selber verpflichtet bin.

Hilfst du mir, du heiterer Neujahrsgast, wenn ich hilflos und alt dastehe und nicht weiter weiss? Zwinkerst du mir dann zu?

Gut.

Ich wags.

 

Ich werde versuchen, 
in diesem neuen Jahr 
jeden Tag 
etwas 
bewusst
zum ersten Mal zu tun, 
etwas, 
was ich so noch nie getan habe. 
Und ich werde es hier aufschreiben.
 

Ich mag dein Lächeln.