Ein Kind war ich nicht mehr, erwachsen noch nicht. Das Leben fühlte sich prickelnd und aufregend an und ich blickte ihm neugierig und gespannt entgegen. In einem jener Sommer machten wir in einem Ferienlager einen Ausflug ins Freilichtmuseum Ballenberg. Fasziniert und überwältigt von der Fülle an Sinnerseindrücken reiste ich durch die Vergangenheit. Nie werde ich vergessen, wie wir durch die niedrige Türe des Taglöhnerhauses eintraten in einen einzigen Raum. Es fiel kaum Tageslicht herein, eine einfache Feuerstelle, ein paar Holzkisten als Bettgestelle, darin mit Stroh gefüllte Stoffsäcke. Es roch nach altem Rauch und nach dem Schweiss der unzähligen Besucher.
Den stärksten Eindruck aber hinterliess dieses unglaublich starke, überraschende Gefühl, nach Hause zu kommen. Alles schien so vertraut, und ich war mir in dem Moment sicher, dass ich so einmal leben wollte: Auf kleinem Raum, gemeinsam mit allen, die zur Familie gehören, zufrieden mit dem Notwendigsten. Dieser Gedanke machte mich glücklich und wirkte nachhaltig inspirierend.
Und ein Hauch davon ist dann ja auch tatsächlich durch mein bisheriges Leben gezogen. Lange Zeit war unser Haus ein grosser Gemeinschaftsort, den wir belebten, teilten und erfüllten.
Fast unbemerkt begannen sich dann die Kinder ihre eigenen Räume einzurichten, steckten Schlüssel in die Türschlösser, was ihnen ein Rückzugsgefühl gab, auch wenn sie sie kaum benutzten. Längst haben so alle ihre Reiche, die ich nur im Notfall und nach Bitte um Erlaubnis betrete. Nur ich selber bin im Taglöhnerhausmodus geblieben, und es scheint niemanden zu stören.
Mein Schlafraum ist seit sieben Jahren der Wintergarten, der tagsüber ein allgemeiner Raum ist und nachts weder geräusch- noch blickdicht ist. Mein Arbeitsraum ist gleichzeitig begehbarer Wäscheschrank, Zwischenlager für Umzugskisten, hier stehen der viel benutzte Drucker, das Bügeleisen, die Bibliothek, die Bettwäsche, alle Spiele, ein unbenutztes Cembalo und ein Gästebett, und hier geht jede und jeder mit grösster Selbstverständlichkeit ein und aus. War immer so. War gut so.
Egentlich habe ich hier mein Tagelöhnerhaus, wie ich es mir erträumt hatte, damals zwischen Kind- und Erwachsensein.
Doch immer mehr und immer öfter meldet sich das Bedürfnis nach einem eigenen Raum, nach einer Türe, die geschlossen ist, wenn ich sie schliesse, nach einem Ort, an den ich mich zurückziehen kann zum ausruhen, schlafen, weinen, meditieren, ohne immer damit rechnen zu müssen, dass jemand rein kommt.
Der einzige Ort, wo das möglich ist, ist das Schulzimmer. Und daher verbringe ich mehr Zeit, als ich zum Arbeiten brauche, in diesen vier Wänden.
Zwar muss ich an den Wochenenden das Schreien der Fussballtrainer und ehrgeizigen Fussballväter vor dem Fenster in Kauf nehmen, aber ich komme zur Ruhe. Einigermassen. Doch ich bekomme keinen Abstand zum Arbeitsalltag und zu all den Fragen, die mich in diesem Zusammenhang beschäftigen. Ich vermische so Beruf und Privat pausenlos, und das fühlt sich auf die Dauer auch nicht gesund an.
Lösungen müssen her, sonst werde ich mit Cortison und Antibiotika den Schrei nach Grenzen zum Schweigen bringen. Und das ist eigentlich das Letzte, was ich will, aber das erste, was ich tue.
Gut, das mal so schwarz auf weiss zu setzen.