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Montag, 5. Juli 2021

186/365 Begegnung

Wieder erlebe ich, was ich seit Mirjam mehrfach erlebt habe: Der Tod eines Menschen führt die hier gebliebenen Menschen zusammen, auf verschiedene Weise, unausweichlich. Plötzlich finde ich mich in uralten Mustern wieder. Ich habe in einem meiner Kinderzimmer geschlafen. Wie vor 40 Jahres weckte mich das Hochdrehen der Storen, immer noch findet die Mutter, meine Schwester und ich reden zuviel beim Abwaschen und brauchen dadurch zuviel Zeit dafür. Wie damals zaubert sie mühelos mit wenigen Zutaten ein Essen, das besser schmeckt als alles, was ich selber zustande bringe in der Küche. Wie früher putzt sie mir hinter dem Duschen her, weil ich nicht sofort alle Spuren weggewischt habe, sondern mich zuerst anziehen wollte. Zum ersten Mal seit vielleicht 20 Jahren stehe ich im Keller, rieche dieselbe feuchte Luft wie damals. An den alten Schränken im Dämmerlich hängen noch immer die Kinderbilder, welche ich einst aus einem Kalender ausgeschnitten und aufgehängt hatte. Ich schrumpfe zusammen, als gäbe es die Jahrzehnte dazwischen nicht. Ich fühle dieses junge Mädchen in mir, welches in Dauerspannung versucht, alles richtig zu machen, um niemandem zur Last zu fallen. Es ist kein glückliches Kind, welches ich wahrnehme, obwohl ich in meine jungen Lebensläufen immer von einer sehr glücklichen Kindheit geschrieben hatte. Ich erschrecke immer wieder. Obwohl ich die Zweitälteste bin, kommen mir alle Geschwister viel erwachsener vor als ich. Ich bin das kleine Mädchen im Keller geblieben und ich weiss nicht, wie sie es machen, dass es sprudelt beim Sprechen und die Arbeiten flugs von der Hand gehen. Ich möchte es in den Arm nehmen und ihm sagen, dass alles gut ist und dass ich es beschütze. Sein Körper zittert kaum spürbar. Es möchte weinen. Aber es geht nicht.