Wach gelegen, viele Stunden lang, bis die Morgendämmerung erahnbar wurde. Dann, auf einmal, legte sich die Unruhe, die Angst lachte und verwandelte sich in eine Blume, und in dir breitete sich blau und still die Gewissheit aus: Es ist vorbei. Es wird alles gut. Und nach zwei tiefen, friedvollen Schlafstunden stehst du auf, gestärkt, zuversichtlich und gesund, oder zumindest mit der sicheren Ahnung, dass du auf dem Weg bist dahin. Nur die Ahnung, was diesen Wandel ermöglicht, die fehlt oder du traust ihr nicht. Statt dessen warme Wellen der Dankbarkeit durch den ganzen Tag und jetzt der Wunsch nach einer guten Nacht, für alle.
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Freitag, 19. Mai 2017
Donnerstag, 18. Mai 2017
Mittwoch, 17. Mai 2017
Dienstag, 16. Mai 2017
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Meine Körperkräfte lassen es zur Zeit nicht zu, dass ich den steilen Weg zu meinen vertrauten Pflanzen und Plätzen hoch steige. Und trotzdem zieht es mich regelmässig hinaus, hinauf. Im Tram schliesse ich die Augen und lehne mich an den Baumstamm, spüre unter meinen Füssen den weichen Boden zwischen den Wurzeln, lausche dem leisen Laubgewisper über mir und um mich. Oder ich setze mich zwischen zwei Schulstunden auf die Bank, stelle mir vor, wie die Bilder sich verändert, die Blätter sich entfaltet haben, das Gras gewachsen, der bewaldete Hügel grün geworden ist. Und immer und immer wieder kauere ich neben den scheinbar leblosen Spross ins dürre Laub und lasse mich von der stillen Zwiesprache durchströmen.
Es fühlt sich ganz und gar so an, als lassen sich Distanz und Zeit und Schwäche überwinden durch diese innere Verbindung.
28.4.17
Trotzdem freue ich mich wie ein kleines Kind darauf, hoffentlich bald wieder mit allen Sinnen die Wege zu gehen zu dürfen.
Sonntag, 14. Mai 2017
unterwegs
Heute morgen sass im Zug mir schräg gegenüber ein Vater mit seinen beiden kleinen Kindern. Der Sohn, vier Jahre alt, plauderte die ganze Zeit, stellte Fragen, kommentierte das Essen, studierte Etiketten, stellte sich die Tiere vor, die im Zoo auf ihn warten, erklärte dem Mitreisenden vor mir, was an dessen Bart anders sei als an dem seines Vaters, fragte die Fahrgäste in den benachbarten Abteilen, ob sie gerne einen Kaffee hätten, um ihnen dann mit Bedauern mitzuteilen, dass das heute leider nicht möglich sei und sein Papa den seinen bereits ausgetrunken habe.
Es war wunderbare Unterhaltung pur. Die kleine, vielleicht 18 Monate alte Schwester sass während dem auf dem Schoss des Vaters, völlig entspannt an ihn geschmiegt, und beobachtete mit ihren dunkeln Mandelaugen das Geschehen zwischen ihren beiden vertrauten Menschen, ruhig, sanft, vertieft in die Klänge und Bilder, welche zwischen den beiden in ihren Dialogen entstanden. Hie und da strich der Vater mit seiner grossen Hand liebvoll durch die feinen Haare.
Ich sass da wie gebannt, spürte an mir die entspannte Wärme, die Schwere des Kopfes, seine Rundung und den Haarflaum in meiner Hand, die Weichheit der Haut an meiner Wange, das offene Händchen, durch welches mein Daumen streicht...
Zerst war es nur dieses starke, körperliche Empfinden, als trüge jede Zelle meines Körpers bis ans Ende ihres Lebens Erinnerung. Ich merkte, wie Tränen über mein Gesicht rannen und wurde von ihnen geweckt. Und in diesem Moment spürte ich in mir eine Wärme, eine helle, liebevolle Wärme und wusste, dass diese innere Berührung, diese Nähe nicht Erinnerung ist, sondern Lebensrealität, die ich in mir trage, unauslöschlich, geschenkt wohl über Zeitliches hinaus.
Samstag, 13. Mai 2017
Alterserscheinung?
Gestern abend hängt mir nach.
Der Knabenchor, in welchem mein Jüngster mitsingt, bekommt im Herbst einen neuen Dirigenten und verreist zudem in einer Woche nach Tschechien. Gestern nun waren Eltern und Sänger zu einem Info- und Vorstellungsabend eingeladen.
Der Saal war eigentlich zu klein für die vielen Menschen. Viele Knaben sassen auf und unter den Tischen an der Wand oder quetschten sich in die Fensterluken des alten Münstergebäudes, die Stühle reichten auch nicht für alle Erwachsenen. Und natürlich trafen sich da Eltern, welche sich lange nicht mehr gesehen hatten oder aber sich ständig sehen und daher immer Gespräche am Laufen haben. Einige Mütter hatten ihre jungen Söhne neben sich sitzen. Vermutlich verreisen diese zum ersten Mal mit dem Chor, was nicht nur für die Knaben ein aufregender Schritt ist. Ich sass mit viel Verständnis für diese Situation mitten im entsprechenden Lärm, begrüsste und beobachtete...
Doch dann beginnt die Veranstaltung.
Hallo! Es fängt an!
Gleich zu Beginn der Hinweis, dass für jeden Sänger ein Umschlag mit allen Infos bereit liege, den man doch bitte im Anschluss an den Infoabend beim Hinausgehen mitnehmen soll. Zudem gebe es eine Kiste mit alten Tonträgern, welche man dann auch gratis mitnehmen könne.
Was ich in der folgenden Stunde erlebe, lässt mich beinahe durchdrehen. Während sich da vorne ein junges Team mit tollen, innovativen Ideen und auf originelle Weise vorstellt, und später der Ablauf der Reise skizziert wird, ist es wohl keine Sekunde lang still im Raum. Umschläge mit Infos werden abgeholt (Stühlerücken inklusive) geräuschvoll geöffnet, gelesen, andere schlängeln sich zu der besagten Kiste durch und wühlen mit einer Ausverkauf-Energie im Gratis-Fundus, hinter mir sitzen drei Jungs und kommentieren immer wieder mit halblauten Ausrufen das Spiel, welches der Mittlere auf seinem Smartphone spielt, neben mir zwei Mütter, welche sich ihre spontanen Eindrücke und Assoziationen sofort mitteilen müssen, dann sind da junge Mütter, die ihren unerfahrenen Söhnen das Gehörte in Mamadeutsch übersetzen. Bekommt jemand aus dem "Publikum" das Wort für eine Frage, beginnt automatisch der halbe Saal zu flüstern, besonders dann, wenn die fragende Person im vorderen Drittel sitzt und daher ihre Frage entsprechend leise stellt. Es kommt mir vor, als wäre ich umgeben von Menschen, welche die Meisterschaft beherrschen, ihre Zeit doppelt zu nutzen, einmal dafür, das Wichtigste von dem, was mitgeteilt wird, zu erfassen, gleichzeitig aber die spannenden Gespräche mit dem Nachbarn weiter zu führen.
In der Schule arbeiten wir intensiv mit den Kindern am Thema Impulskontrolle, daran, dass nicht jeder Gedanke sofort ausgesprchen wird, dass ein Kind warten lernt, bis es an der Reihe ist, dass Rätsellösungen nicht einfach herausposaunt werden, dass die Augen geschlossen bleiben, wenn ein unbekannter Gegenstand in die tastende Hand gelegt wird, dass man sich im Klassengespräch gegenseitig aussprechen lässt..... Die Fähigkeit zur Impulskontrolle löst heute sogar hergebrachte Schulreifekriterien ab.
Und hier? Stichwort "gratis" – nichts wie los. Stichwort "mitnehmen" – nachher gibt es nicht. Stichwort "Gastfamilie" – die aufkommende Erinnerung muss sofort ausgetauscht werden. Stichwort "Flüssigkeiten im Handgepäck" – ...
Man könnte jetzt hier auch noch über die Intoleranz multitaskingunfähiger und realitätsferner Sensibelchen sprechen.
Ich jedenfalls vergass, dass mich eine Bekannte gebeten hatte, mich im Anschluss an den Abend noch kurz zu sprechen, floh mit meinem Umschlag erschöpft an die frische Luft, holte mir beim Mc D eine Portion Pommes und legte in der einbrechenden Dämmerung den ersten Teil des Heimweges statt mit der Tram zu Fuss zurück, um wieder atmen zu können.
Werde ich wohl einfach alt?
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