Der Rückweg am Abend führt durch ein Wohnquartier, in dem sich ein individuelles, originelles, spezielles Haus an das nächste reiht, in gutem Abstand voneinander gehalten durch verwunschene, grosse, Gechichten erzählende Gärten. Vor bald einem Jahrhundert hat man dem Kulturland solch grosse Grundstücke abgerungen und so die Dörfer bis an die Ränder der Wälder wachsen lassen. Jedes Mal, wenn ich hier vorbei komme, spüre ich ein leichtes Erschaudern beim Erahnen dieser Menschen, welche hier gebaut haben. Sie müssen eine neue Vision vom Leben gehabt haben, den Mut gespürt haben, Konventionen zu sprengen, aufzubrechen, Menschsein neu zu denken. So jedenfalls erzählen mir die ungewohnte Architektur, die alten Bäume, die Art, wie Wege angelegt sind, ja selbst die gelben Krokusse, die ja ihre Köpfe erst vor wenigen Tagen aus der Erde gesteckt haben.
Ich schlendere bergabwärts. Mein Bus wird erst in 30 Minuten fahren. Ich habe Zeit, durch die Gartentorbögen zu blicken, mir Geschichten auszudenken zu den bemoosten Sitzgruppen unter Nussbäumen, den Vögeln zu lauschen, welche wohl damals ähnliche Melodien gesungen haben, den Menschen kurz nach dem ersten grossen Krieg jedoch mit ihrem Gesang andere Inspirationen geschenkt haben.
Vor einem Haus steht ein altes Weiblein mit buntem Kopftuch und Wollrock vor der Haustüre und gestikuliert irgendwie mit ihren Armen. Ich sehe es zuerst nur aus den Augenwinkeln und kehre noch einmal zurück, weil ich nicht sicher bin, ob sie mir gewunken hat.
Mein Gruss zieht sie an den Gartenrand und schon stecken wir mitten in einem Gespräch. Ich spreche mit einer fremden Frau voller Leben, bestimmt neunzige Jahre haben ihre Spuren in dieses Gesicht gegraben, sie spricht mit einer Frau, die sie zu kennen scheint, denn alles, was sie sagt, scheint anzuknüpfen an unsichtbare Fäden. Fasziniert schaue ich in ihre winzigen, leuchtend blauen Augen, welche aus zwei der unzähligen tiefen Furchen hervor blitzen und mit ihrem Lachen dem Strahlen des Frühlingsabend in nichts nachstehen.
"Wissen Sie", sagt sie, "ich sage immer: Ich bin zum ersten Mal alt, ich weiss noch nicht, wie das geht." "Fühlen Sie sich denn alt?" wage ich zu fragen. "Ich selber habe mir mit 20 meine Vorstellungen gemacht, wie alt man sich mit 50 fühlen muss. Aber jetzt von innen erlebe ich mich genauso jung wie damals. Ich kann mir gut vorstellen, dass das mit 80 genauso ist." Sie lacht laut. Sie lacht sowieso die ganze Zeit, untermalt ihre Sätze mit fröhlichen Gebärden. "Ich schaue manchmal in den Spiegel und sehe dort jemanden, der überhaupt micht zu dem passt, den ich innerlich wahrnehme! Aber bei der Arbeit, da merke ich es manchmal. Da wird mir auf einmal schwindelig und ich verliere kurz das Bewusstsein. Das stinkt mir. Ich war ein Leben lang nie krank. Da fällt es nicht so leicht, sowas zu akzeptieren." Darf ich denn fragen, wie alt Sie sind?" Wieder dieses lustige Lachen im verschmitzen Gesicht. "Natürlich dürfen Sie fragen!" und sie beginnt über etwas ganz anderes zu reden. Ich weiss nicht, ob sie meine Frage nicht verstanden hat oder ob sie mit Absicht darüber hinweg geht. "Sie wissen ja", erklärt sie später, "dass Steiner gesagt hat, der Ätherleib sei das einzige am Menschen, was im Laufe des Lebens jünger wird, flüssiger. Ich verstehe das jetzt immer besser!" Sie scheint zu tanzen, sieht wohl nicht mein leises Kopfschütteln, weil ich nicht weiss, was sie denkt, ich würde es wissen. "Auf jeden Fall wirken sie unglaublich jung!" bestätige ich, und ich meine es genauso, wie ich es sage.
Unterdessen sind mehrere Menschen an uns vorbei gegangen. Alle hat sie herzlich begrüsst, und als ich weiter gehe scheint es mir, als würden helle Spuren von gelöster Freude von ihr wegführen und jene begleiten, denen sie ihr Lachen geschenkt hat.
Wenn alt werden dies bedeutet, so wäre ich bereit, es zu versuchen.