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Dienstag, 24. März 2020

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Letzte Nacht bin ich aus einem Traum aufgewacht. Ich kann mich an den Traum selber nicht erinnern, aber in mir hat es laut gelacht. Es war klar geworden, dass dies alles ein riesiger Irrtum ist, und all unser seltsames Verhalten wirkte wie eine mächtige, skurrile Inszenierung, ein modernes Theaterstück, welches wir in der nächsten Deutschstunde analysieren werden.
Ich wurde dieses Gefühl heute nicht mehr los. Auch nicht, als am Vormittag ein Militärhelikopter eine Stunde lang im Tiefflug die grünen Grenzen abgefogen hat, auch nicht, als der gestrandete Berlinsohn seine achtstündige Hochschulaufnahmeprüfung in seinem Zimmer hatte, auch nicht, als wir den seltsamsten Geburtstag unserer Familiengeschichte gefeiert haben.
Keine Angst, ich habe niemanden angesteckt mit meiner Heiterkeit.

Montag, 23. März 2020

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Lehrerin, die von zu Hause aus arbeitet und kaum etwas zu tun hat. (Jetzt ist sie am kochen, ihr Platz ist leer.)
Entweder ist das Material, das die Schüler und Schülerinnen erhalten haben, klar genug vorbereitet, oder die Eltern spielen meinen Job, was eigentlich ausdrücklich nicht gedacht wäre, vor allem dort nicht, wo dies zu Auseinandersetzungen führt. (Ich muss mich richtig zusammenreissen, um mich nicht einzumischen.)

Samstag, 21. März 2020

🌸 Frühlingsanfang

Immer wieder kommen diese Wellen: neue Einschränkungen, neue Erkenntnisse, neue Einsichten. Es ist harte Kost und meist braucht es ein paar Stunden, bis sie verdaut ist und Energie freisetzt, um sich wieder aufzurichten. Diese Verdauungszeiten sind schmezhaft, angstbesetzt, lähmend. Wahrscheinlich sind sie die wahren Bedrohungen des Immunsystems. Ich komme eben vom Einkaufen. Das Hamstern ist nicht mehr spürbar, dafür Distanz, Stille, Konzentration. Vor dem Eingang liegt ein gestürzter Fahrradfahrer unter Wärmedecken der Polizei und wartet auf den Rettungswagen. Er erinnert mich daran, dass es auch noch Notsituationen ausserhalb des Virus gibt. 
Im Tram sitzt eine ältere Frau, hustet vor sich hin und bleibt an der Endstation sitzen. Sie trägt eine Sonnenbrille, obwohl es regnet. Ich habe viele Meter Abstand, aber die Verzweiflung ist distanzlos spürbar. Ich lasse sie sitzen und steige aus.

Heute früh habe ich aus einer Mail diese Sätze kopiert. Sie könnten von Veit Lindau sein, aber das ist ja auch gar nicht so wesentlich.

Teif atmen und dann entspannt lesen. 



JA. Wir sind verletzbar. Wir wissen verdammt wenig. Es geht nicht immer bergauf.
Und die existentiellen Lektionen kommen nie, wann und wie wir sie uns wünschen.⁣
⁣⁣
⁣Diamanten entstehen unter hohem Druck.⁣
⁣Die Verzweiflung der Raupe ist die Vorfreude des Schmetterlings. ⁣
⁣Mitten im Geburtskanal ist es dunkel, eng, schleimig und blutig.⁣
⁣⁣
⁣Doch keine Angst. Kein Verzagen.
Denn auch auf die dunkelste Nacht folgt irgendwann die nächste Morgendämmerung. ⁣
⁣⁣
⁣Das Chaos von heute ist eine höhere Ordnung, die wir nur noch nicht verstehen.⁣

Freitag, 20. März 2020

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Dankbar. Es geschehen Dinge, die es bei uns sonst einmal im Jahr – zu Weihnachten gibt: Alle sind da und haben Zeit. Zeit haben heisst sonst für die jungen Menschen, nach draussen gehen, Freunde treffen, ewas erleben. Jetzt sitzen wir in Halbgefangenschaft und gehen uns auf den Wecker. Aber wir essen zusammen. Und heute blieben wir sitzen, sechs junge Menschen und ich, und es war allen klar, dass wir einen Weg finden müssen und wollen, wie wir dieses enge, ungeplante Miteinander gestalten können ohne Eskalation. Fast zwei Stunden lang hörten wir einander zu, versuchten, unsere Bedürfnisse zu formulieren, Aufgaben zu verteilen, gemeinsame Nenner zu finden.
Nun spielen sie oben ein Kartenspiel und lachen, das Haus ist erfüllt von Heiterkeit. Ich überlege mir, ob ich noch einmal nach den News schauen soll, nach den neuen Zahlen und Beschlüssen. Oder ob es nicht heilsamer ist, mit dieser Leichtigkeit schlafen zu gehen.  
Ich würde gerne davon verteilen, als Schutzmasken gegen die Angst, als Stärkung für das Immunsystem.

Donnerstag, 19. März 2020

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Mir kommt es vor, als müsste eine riesigie, unendlich grosse Maschine, welche ständig in intensivster Bewegung ist, runter gefahren werden. In jedem  Menschen drin läuft dieser Bremsprozess mit. Gewohnheit und Individualitätsdenken kreischen und dröhnen, aber sie vermögen die Bremsung nicht mehr aufzuhalten. 
Und dann - stelle ich mir vor - wird irgendwann der Widerstand aufgegeben sein, es wird still sein, ungalublich still, ergeben, entspannt. Und dort beginnt etwas Neues.
Hoffentlich. Vielleicht. Ganz sicher. Wir haben die Wahl.

Mittwoch, 18. März 2020

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Heute haben alle Schülerinnen und Schüler ihr Material abgeholt. Im Viertelstundentakt kamen zwei, liessen sich instruieren und packten ihren Rucksack. Es tat gut, sie zu sehen und zu spüren, dass es den meisten richtig gut geht. Viele geniessen es total, dass die Eltern zu Hause sind, dass sie nicht in die Auswärtsbetreuung gehen müssen, dass sie Zeit haben, einfach zu spielen. Das ganze Chaos ringsum, welches in den Köpfen von uns Erwachsenen abläuft, bekommen sie nur am Rand mit. 
Umso heftige geht in der Familie die Post ab. Die Tochter in England hat sich seit Tagen und bis vor einer Stunde mit Händen und Füssen gewehrt, zurück zu kommen. Nun buchen wir Flüge für morgen. Sie schreit und ist am Boden zerstört, kann es, will es nicht fassen und ich kann mir auch kaum vorstellen, dass wir ab morgen wieder zu sechst hier wohnen werden, denn der Berlinsohn ist auch gestrandet und die Tochter hat die Uni jetzt im Computer nach hause genommen. 
Unser Dorf hat drei Zollübergänge nach Frankreich, welche jetzt mit riesigen Gittern abgeriegelt sind. Familien haben sich getrennt, damit die eine in Frankreich bei den Pferden, der andere mit den Kindern in der Schweiz sein kann. Sie können sich nicht besuchen. Die Verkäuferin, welche in der Schweiz arbeitet und im benachbarten Ort in Frankreich wohnt, muss jetzt einen 20 km-Umweg fahren, um den einzigen, streng kontrollieren Zollübergang benutzen zu können. Die einzige landesinterne Verbinung führt über den Berg durch den Wald.
Ungläubig stehen wir da und können kaum fassen, was sich in so kurzer Zeit alles ändern kann.

Montag, 16. März 2020

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Am liebsten würde ich einfach mal anlehnen und weinen. Ich bin müde. Teamarbeit auf Distanz mit dieser Mischung von Verantwortungsgefühl, angespannten Nerven, Effizienzanspruch, Unbekanntem und ständig mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass morgen schon wieder alles hinfällig sein könnte, was wir heute vorbereitet, geplant, kommuniziert haben.
80% von meinem Unterricht ist Beziehung, kreatives Reagieren auf den Moment, Entwicklung aus den Prozessen. Und jetzt?

Ab Mittwoch haben wir hier zwei Unis und zwei Gymnasien sowie eine Hotline zu einer dritten Klasse im Haus. 

Wie unendlich gut, dass draussen Frühling ist.