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Montag, 6. April 2020

Wer A sagt, ...

... könnte auch A gemeint haben.

Manchmal (oft?) wirkt vieles von dem, was ich im Alltagsreflex sage, aus der Distanz kleinlich und eng – ein gut gepflügtes Übfeld. So auch heute, als wir gemeinsam den Einkauf besprachen. Kategorisch lehnte ich es ab, gefrorene Beeren zu kaufen, ohne mich dafür zu interessieren, warum dieser Luxus heute Sinn machen könnte. Das erfuhr ich erst beim Verlassen des Hauses durch eine Schulterzuckbemerkung, einer Mischung aus Resignation und "selber schuld".
Daher tippte ich im Tram ein "Tut mir leid, was ich wegen der Beeren gesagt habe" in den WG-Chat und starrte ungläubig auf den Text, welcher mir automatisch korrigiert in der Hand lag: "Tut mir leid, was ich wegen der Viren gesagt habe". Vielleicht hatte ich mich vertippt, V statt B, aber dass dieses unsichtbare Kontrollhirn meinen Horizont sosehr einschränkt, machte mich für einen Moment sprachlos.

Samstag, 4. April 2020

Wer A sagt, ...

... darf trotzdem Kompromisse machen. 
Die Empörung bei den direkt Betroffenen war wohl zu gross. Am Montag früh um 4 Uhr wird der eine Zollübergang im Tal wieder geöffnet. Passieren darf, wer sich und seine Einreisegründe klar ausweisen kann. 
Nach dem Einkaufen wartete ich aufs Tram. Da die Fahrpläne stark ausgedünnt worden sind, hatte ich dafür reichlich Zeit. In einigen Metern Entfernung steht eines dieser Gitter mit dem überdimensioniert grossen Fahrverbotsschild drauf. Links und rechts ist die Absperrung ausgedehnt worden durch Drähte, Bänder und andere unmissverständliche, unüberwindbare Barrieren.
Fast im Minutentakt kamen da in ihren neonfarbig leuchtenden Trikots die Hobbysportler auf ihren Fahrrädern gefahren, bremsten irritiert, stiegen vom Rad, und die meisten stellten sich dann mit oder ohne Fahrrad vor die Absperrung und schickten ein Foto in die Welt oder packten es auch einfach in den Erinnerungsrucksack. 
Heute habe ich auf dem Schreibtisch einen neuen Ordner angeleg – vorübergehend.



Wer A sagt, ...

... muss auch pril sagen.
Das wäre eigentlich der Beitrag zum 1. April gewesen und bezog sich auf einen Aprilscherz, der mich fast aus der Bahn geworfen hätte. Nur fast, und die Landung nach der Auflösung war sanft. Doch diese Datenschutzvorsicht liess mich schweigen. Der Apriltitel aber war geboren und sitzt jetzt erwartungsvoll auf dem linken oberen Rand des Computers und lässt grinsend die Beinchen baumeln. Wer A sagt, ....

Freitag, 3. April 2020

Wer A sagt, ...

... muss B meiden.

Es ist eine der seltsamsten Begleiterscheinungen in meiner kleinen Coronawelt, wie hier die Grenzen immer enger geschlossen werden. Waren es erst die Strassen, so treffen meine joggenden WG-MitbewohnerInnen jetzt mitten im Wald auf Gitter und Grenzwächter. Wo man ständig spaziert, wandert und joggt ohne zu wissen, in welchem Land man sich gerade bewegt, ist man plötzlich abgeschnitten und muss umkehren. Etwa so verlaufen hier die Grenzen über die Verkehrsachse. 
Bis heute hielt das Tram auf dem Weg in unser Dorf noch in Frankreich, was den Pendlern mit französischem Wohnsitz immerhin den Arbeitsweg per öV offen hielt. Ab Mitternacht ist die Haltestelle geschlossen. Und an der einzigen offenen Grenze 10 km weiter staut sich der Pendlerverkehr derart, dass der Busbetrieb in jener Gegend ganz eingestellt worden ist. 

Auf einmal richten sich diese Steine ringsum, auf denen die Kinder Hochklettern und Runterspringen geübt hatten und welche ihre alten Geschichten aus dem letzten Jahrhundert erzählten, auf, als würden sie eine Uniform tragen und wichtigtuerisch ihre Hand ausstrecken mit einem Blick, der unmissverständlich klar macht, dass hier unsichtbar aber unter Bestrafungsandrohung ein völlig neues Hoheitsgebiet beginnt.

Dienstag, 31. März 2020

🌸

Zum letzten Mal März 20. 
Ich war heute mal wieder auf dem Friedhof, wollte doch schauen, wie es all den Frühingsblühern geht, die ich im November in die dunkle Erde gebettet hatte. Auch da – Totenstille. Man konnte die Hyazinthen fast blühen hören. Fast fühlte ich mich – schuldig, als wäre mein Draussensein ein Regelverstoss. Irgendwo lachten Kinder Trampolinlachen. Hie und da, ganz selten, fuhr ein Auto über die nahe Strasse. Da die Durchfahrt nach Frankreich unmöglich ist, kommen hier fast nur noch DorfbewohnerInnen an. Aus fast jedem Auto winkt jemand, den ich wegen der dunkel getönten Heckscheibe nicht erkennen kann. Ich winke zurück, so ein "jagellplötzlichistmaneineschicksalsgemeinschaft" -Winken. Der Frühling verschenkt mir vollen Händen. Und es scheint ihn nicht zu kümmern, dass die Feldwege leer sind. Ich möchte staunen, möchte diesen Frühlingsjauchzer in mir aufsteigen lassen, aber er scheint mir unpassend, unangebracht, ohne dass ich sagen könnte warum. Ich stehe einfach da, atme tief, lausche, rieche und schaue hinüber zu den Hügeln, auf denen noch Schnee liegt, über die sattgrünen Felder, den Raps, dessen Blüten sprungbereit sind, zu den umschleierten Birken. Und ich bin sicher, dass dies alles ein Traum ist.

Sonntag, 29. März 2020

🌸

Oh ja, ich kennen sie auch, die anderen Tage, die zur Bedrohung werden können, und das nicht erst seit diesem Virus. Es sind Tage, die mich auf irgend eine Art zwingen, mich mit Schattenseiten auseinanderzusetzen, mit Themen, die ich meist geschickt umschiffe. Die Endlichkeit des eigenen Lebens kann durchaus ein solcher Trigger sein. Wie von Magnetkräften angezogen gesellt sich die Angst dazu. 

Es hat geschneit heute.

Freitag, 27. März 2020

🌸

Einmal mehr gehöre ich zu den unglaublich privilegierten Menschen zur Zeit, und ich hoffe, dass dieses Geschenk zumindest den Schülerinnen und Schülern und ihren Familien zugute kommt, weil ich Raum habe, den Fernunterricht sorgfältig vorzubereiten und im Gespräch zu bleiben.
Nicht nur, dass wir auf dem Land in einem Haus mit Garten leben, von wo wir ohne Menschenkontakt in den Wald gelangen können, wir sind auch als grosse Gemeinschaft hier. Eigentlich sprengen wir die vorgeschriebene Gruppengrösse, aber als Familie haben wir keine Alternative. Die jungen Menschen mit ihrer unglaublichen Fähigkeit, in jeder Situation die Chance zu suchen, jammern nie und ertragen es auch nicht gut, wenn ich es tue. Sie machen sich bei jeder Schwierigkeit sofort auf die Suche nach einer Lösung und sind energievoll und kreativ unterwegs. Von dieser Energie umgeben zu sein, ist wohl das grösste Geschenk. Ausserdem muss ich nicht um meinen Job bangen und gehöre nicht zur Risikogruppe.
Immer wieder führen wir uns vor Augen: Wir sind nicht eingesperrt, weil Bomben fallen, sondern um andere Menschen zu schützen. Wir halten nicht Distanz, weil wir verfeindet sind, sondern weil wir uns Sorge tragen. Mein Älterster ist nicht im Militär um zu kämpfen und sein Leben zu riskieren, sondern um  dort anzupacken, wo es junge Kraft am meisten braucht.
Der einzige Preis, den ich bezahle, ist die Tatsache, dass dieses Händewaschen und -desinfizieren meine Haut total kaputt macht. 

Ob es Sinn macht, das hier zu schreiben? Ob LeserInnen, die in einer engen Stadtwohnung alleine auf das Ende dieser Zeit warten, sich nicht noch verlorener fühlen, wenn sie das lesen? Ich versuche, für einige Zeit die Kommentarfunktion offen zu lassen, die Distanz, die ich mir hier als eine Art Selbstschutz aufgebaut habe, etwas zu lockern. Vielleicht kann ich dadurch die Antwort auf diese Frage besser spüren.

Alles Gute!