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Mittwoch, 7. Juli 2021

188/365 erwachsen

Hab nach etwas gesucht und dafür alle Julis von Windworte und Aufeinanderzu durchgeblättert. Nun bin ich etwas erschlagen. Gefunden habe ich das Gesuchte nicht, ich habe jedoch erstaunt festgestellt, dass ich jetzt drüben wieder öffnen könnte. (könnte!)

Dienstag, 6. Juli 2021

187/365 im Fluss

Hier würden sie langfahren, irgendwann in den nächsten 90 Minuten.  

"Um 12 sind wir in der Schleuse", erfahre ich dann irgendwann.

Das wird also noch dauern. Es beginnt zu regnen und ich spaziere im Schutz der betörend duftenden Linden am rechten Rheinufer flussaufwärts. Wenige Schritte von hier wohnt nun der Vater meiner Kinder. Das ist eine seltsame Vorstellung, die mich das Warten beinahe vergessen lässt. Doch dann fährt ein riesiger Lastkahn vorbei. Der muss gleichzeitig in der Schleuse gewesen sein! Ich eile auf die Mitte der Mittleren Brücke und plötzlich sind sie da, winzig klein, blau-weiss, weit hinten. Die Kamera holt sie näher.

Schnell fahren sie dahin. Der Fluss, welcher letzten Sommer ein blauer, glatter Spieglel war, hat eine starke Strömung.

Unten strömt das Wasser, oben reisst der Regenwind am Schirm und warm und salzig läuft es mir übers Gesicht.

Es ist so unglaublich. Ein Jahr lang habe ich Matilda jetzt im Trockenen kennen gelernt als ewige Baustelle, und nun fährt sie da als richtiges, strahlendes Schiff auf den Brückenbogen unter mir zu,

auf ihr genauso strahlend und stolz der Besitzer und die Besitzerin, die zwar heute noch nicht definitiv aufbrechen zu ihrem Abenteuer, aber doch schon mal in den Hafen fahren, in dem sie sich in den nächsten Tagen startklar machen werden.

"Bis nachher!" rufen sie, bevor sie unter der Brücke verschwinden, und damit ist meine Entscheidung gefällt. Steuererklärung muss warten. Ich folge ihnen auf dem Uferweg.

Eine Zeitlang schaue ich ihnen noch hinterher.

Dann mache ich mich zu Fuss auf den Weg zum Hafen, wo sie, als ich ankomme, bereits angelegt und gekocht haben.

Es ist wie im Traum: Leise schaukelnd liegt da ein gemütliches kleines Zuhause auf dem Wasser, der Regen trommelt aufs Dach, es riecht nach Pasta, am Fenster steht Basilikum und wir sitzen beisammen, essen, trinken, sie erzählen von ihren Plänen und wir versuchen zu realisieren, dass das nebeneinander Platz hat: Wie wir vor zwei Tagen im Bestattungsinstitut am Bett von Grossvati gestanden sind, gesungen und geweint haben und wie wir jetzt da die Lebendigkeit des Lebens fühlen.

Montag, 5. Juli 2021

186/365 Begegnung

Wieder erlebe ich, was ich seit Mirjam mehrfach erlebt habe: Der Tod eines Menschen führt die hier gebliebenen Menschen zusammen, auf verschiedene Weise, unausweichlich. Plötzlich finde ich mich in uralten Mustern wieder. Ich habe in einem meiner Kinderzimmer geschlafen. Wie vor 40 Jahres weckte mich das Hochdrehen der Storen, immer noch findet die Mutter, meine Schwester und ich reden zuviel beim Abwaschen und brauchen dadurch zuviel Zeit dafür. Wie damals zaubert sie mühelos mit wenigen Zutaten ein Essen, das besser schmeckt als alles, was ich selber zustande bringe in der Küche. Wie früher putzt sie mir hinter dem Duschen her, weil ich nicht sofort alle Spuren weggewischt habe, sondern mich zuerst anziehen wollte. Zum ersten Mal seit vielleicht 20 Jahren stehe ich im Keller, rieche dieselbe feuchte Luft wie damals. An den alten Schränken im Dämmerlich hängen noch immer die Kinderbilder, welche ich einst aus einem Kalender ausgeschnitten und aufgehängt hatte. Ich schrumpfe zusammen, als gäbe es die Jahrzehnte dazwischen nicht. Ich fühle dieses junge Mädchen in mir, welches in Dauerspannung versucht, alles richtig zu machen, um niemandem zur Last zu fallen. Es ist kein glückliches Kind, welches ich wahrnehme, obwohl ich in meine jungen Lebensläufen immer von einer sehr glücklichen Kindheit geschrieben hatte. Ich erschrecke immer wieder. Obwohl ich die Zweitälteste bin, kommen mir alle Geschwister viel erwachsener vor als ich. Ich bin das kleine Mädchen im Keller geblieben und ich weiss nicht, wie sie es machen, dass es sprudelt beim Sprechen und die Arbeiten flugs von der Hand gehen. Ich möchte es in den Arm nehmen und ihm sagen, dass alles gut ist und dass ich es beschütze. Sein Körper zittert kaum spürbar. Es möchte weinen. Aber es geht nicht.

Sonntag, 4. Juli 2021

185/365 ....

In der Minute, in der ich gestern aus der Tram meine kurze Zeile schrieb, ist mein Vater gestorben. Ich erfuhr es wenige Augenblicke nach dem Senden. Ich war unterwegs zu ihm, wollte zusammen mit meiner Mutter und einer Schwester bei ihm Nachtwache halten, denn wir wussten, dass er der Schwelle nahe ist. Nun komme ich zurück von einem Ort, den ich nicht kannte, intensiv, erfüllt und still.
Er hatte am Karsamstag eine Hirnblutung und ist dadurch zusammen mit seiner ganzen Familie auf einen langen und sehr oft erschütternden Weg des Abschiednehmens geschickt worden, welcher gestern in diesen Übergang gemündet hat.
Wie oft hätte ich gerne davon geschrieben, doch dazu hätte ich die Familie um ihre Zustimmung bitten müssen, und dies wiederum wäre nicht möglich gewesen, ohne von diesem Windort zu erzählen. 

Ob die beiden sich nun wieder begegnet sind? 


Samstag, 3. Juli 2021

184/365 Stille

Ich bin unterwegs an einen unbekannten Ort. 

Freitag, 2. Juli 2021

183/365 Halbzeit

Heute Mittag war punktgenau das halbe Jahr um. Nun könnte ich rückwärts zählen und würde an Silvester wieder bei 1 stehen.

Ein paar Stunden später begannen die Schulferien. Sie sind schlecht planbar dieses Jahr und die liegen gebliebenen Arbeiten im und ums Haus türmen sich beachtlich. Die Stimmung im Schulhaus war emotional. Die Kinder glichen Flöhen, im Kollegium war viel Erleichterung und Erschöpfung, aber auch Freude und Herzlichkeit zu spüren. Ich glaube, ich selber hätte für keinen einzigen weiteren Tag mehr die Energie gehabt.

Daher folge ich nun dem Ruf meines Bettes und freue mich auf weckerfreies Erwachen.


Donnerstag, 1. Juli 2021

182/365

Heute feiern wir die bestandene Maturaprüfung des dritten Sohnes. Ich werde wohl kaum vor Mitternacht nach hause kommen und setze diesem Tag ein Danke in den Wind für seine Frische und seinen Duft nach Lindenblüten.